Es ist dunkel, mehrere hundert Menschen sitzen in dem Kinosaal, in dem gerade das charakteristische, schummrige Licht erlosch.
In Italien schreiben wir das Jahr 1964 und das besagte Lichtspielhaus befindet sich in Rom. Die Gruppe der passionierten Kinogänger, vor der jetzt der Vorhang auch den letzten Winkel der Leinwand enthüllt hat, weiß nicht welchem historischen Ereignis der Filmgeschichte sie in diesem Moment beiwohnt. Ja sie ahnt nicht einmal im entferntesten die Tragweite und Bedeutung des Films, den sie gleich sehen wird.
Im Bild erscheinen weiße wabernde Formen vor einem roten Hintergrund, die sich bald zu einem Reiter kristallisieren, untermalt von der inzwischen unvergesslichen Musik Ennio Morricones.
Es ist die Premiere von „Per un pugno di dollari“ und gleichzeitig der Auftakt zweier glanzvoller Karrieren und der Beginn des Siegeszuges eines jungen Filmgenres. Die Rede ist von Sergio Leone, Clint Eastwood und natürlich dem Italowestern, auch bekannt als Spaghettiwestern.
„Für eine Handvoll Dollar“ (Originaltitel: „Per un pugno di dollari“) war zwar nicht der erste Italowestern, aber er war durch seinen künstlerischen und kommerziellen Erfolg der Grundstein für alle folgenden Produktionen. Erst dieser Film ermöglichte und bestärkte eine Generation von Filmemachern, ihre Visionen von einem neuartigen Filmstil und einen erneuerten Western umzusetzen. Sie hatten den Mut, die klassischen Konventionen des Hollywood-Kinos hinter sich zu lassen und den größtenteils verklärenden und in erster Linie einseitig glorifizierenden, amerikanischen Filmen, ein künstlerisches, eigenständiges Subgenre entgegenzusetzen.
Somit stellte „Für eine Handvoll Dollar“ den Anfang einer Reihe von Meisterwerken audio-visueller Kompositionskunst dar, zu dessen besten Vertretern u.a. „Zwei Glorreiche Halunken“, „Navajo Joe“, „Die Rechnung wird mit Blei bezahlt“, „Blindman“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Adios Sabata“ zählen, um nur einige der beeindruckendsten Werke zu nennen.
Diese Filme zeichnen sich dadurch aus, dass sie die visuelle Erzählkunst, mittels außergewöhnlicher Bildkomposition und Kamera-Arbeit, wieder in den Mittelpunkt des Film rückten.
Denn wie schon Alfred Hitchcock festhielt, ist pures Kino das Erzählen einer Geschichte durch Bilder... alles andere sind nur fotografierte Dialoge!
Außerdem erkannten sie die Bedeutung und Möglichkeiten der Filmmusik und verwandten sie in einer dynamischen Art und Weise um den Bildern der staubigen Straßenzüge, den kargen Wüstenlandschaften, den geisterhaft anmutenden Städten und atemberaubend in Szene gesetzten Duelle eine unvergleichliche Stimmung und Dramatik zu verleihen.
Denkt man heute an Westernfilme, fallen fast jedem die typischen Szenen eines Duells ein: leinwand-füllende Extreme-Close-Ups von den eiskalten Augen der Protagonisten deren stechende Blicke bedrohlicher erscheinen als ihre Colts, Over-Shoulder-Shots der Kontrahenten, Close-Ups der sich langsam bewegenden Finger der Revolver-Hand über dem Halfter und eine dramatische, unvergessliche Musik.
Doch all diese Elemente stammen aus dem Italowestern und nicht aus dem Urgenre des amerikanischen Films, wie viele fälschlicher Weeise annhemen.
Der Italowestern steht für einen individuellen Stil der das heutige Kino und nicht nur berühmte Filmemacher wie die Coens, Tarantino, Rodriguez und Miike nachhaltig beeinflusst und das Bild des Westerns für immer verändert hat.
Neben dem heraus stechenden visuellen Erzähl-Stil, besticht dieses Genre vor allem durch seine Musik, die maßgeblich für die Atmosphäre der Filme ist. Neben dem weltbekannten und unangefochten besten Filmmusikkomponisten Ennio Morricone, schufen unter anderen außerdem Bruno Nicolai, Luis Enriquez Bacalov und Francesco de Masi die unvergesslichen Soundtracks, die Filme wie z.B. „Navajo Joe“ zu wahren Westernopern werden ließen.
Das wohl bekannteste Thema „The Ecstasy of Gold von Ennio Morricone zählt noch heute, mehr als 40 Jahre nach seiner Entstehung zu den bekanntesten Musiktiteln aller Zeiten.
Abgesehen von diesen cineastischen Merkmalen ist der italienische Western auch inhaltlich und politisch bemüht eine selbst reflektierende und sozialkritische Sichtweise einzunehmen und sich von seinem Vorbild abzuheben.
Die einseitige Darstellung von Gut und Böse und die übertriebene Idealisierung der amerikanischen Westernhelden und das Verschweigen des unmenschlichen Umgangs der amerikanischen Einwanderer mit den indianischen Ureinwohnern, wird durch ein weit vielschichtigeres und differenzierteres Bild abgelöst.
Die Helden des Italowestern sind meist selbst hin und her gerissen zwischen Gut und Böse, verfolgen egoistische Ziele, die meist finanzieller Natur sind, oder streben nach Rache für erfahrenes Unrecht.
Politische Themen im Italowestern sind neben der Reflektion der italienischen Geschichte, Faschismus („Django“), Grenzkonflikte zwischen Mexiko und USA (eine Vielzahl von Filmen), Frauenrechte („In einem Sattel mit dem Tod“), Sklaverei („Keoma“), die mexikanische Revolution („Lasst uns töten Companeros“, „Töte Amigo“, „Der Gefürchtete“, „Lauf um dein Leben“ und viele mehr) die Industrialisierung Amerikas und die mit ihr verbundenen Schicksale, wie z.B. das der Familie McBain in „Spiel mir das Lied vom Tod“.
Oft verpönt wegen übertriebener Gewaltverherrlichung und gerade wegen seiner schonungslosen Darstellung sozialer Missstände und Ressentiments in den USA im 19. Jahrhundert, wurde der Italowestern als unwichtiges, bedeutungsloses und einfallsloses Nischengenre dargestellt, wofür in erster Linie natürlich amerikanische Kritiker verantwortlich waren, die den Western als uramerikanisches Genre ansahen und die politische und soziale Kritik, ihrer eigenen Geschichte für anmaßend hielten.
Auch die regelrechte Massenproduktion von Italowestern nach dem explosiven Erfolg von „Für eine Handvoll Dollar“, führte leider zu einer oberflächlich negativen Einschätzung des Genres, da im Zuge dieser Entwicklung viele einfallslose Imitationen, Serienproduktionen und handwerklich mangelhaft umgesetzte Werke entstanden. Aus diesem Grund entstand auch der Begriff des Spaghettiwestern, der inzwischen jedoch fast als gleichwertige Bezeichnung, auch von den Verehrern des Genres mit humorvollem Selbstbewusstsein, akzeptiert wird.
Im Laufe der Zeit änderte sich jedoch das Ansehen des Italowestern. Die filmhistorische Bedeutung und der Einfluss vieler herausragender Vertreter dieses Genres, überschattete bald zurecht das negative Image. Es entstanden Bücher („Für ein paar Leichen mehr“, „Um sie weht der Hauch des Todes“) und Dokumentationen („Denn sie kennen kein Erbarmen“) die die künstlerische Bedeutung und den nicht zu leugnenden Einfluss auf die Entwicklung des gesamten modernen Kinos klarstellten und würdigten.
Nicht zu Unrecht zählen Filme wie „Zwei glorreiche Halunken“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“ auch heute, laut Filmkritikern und Filmschaffenden aus aller Welt (siehe: www.imdb.com), noch immer zu den besten Filmen aller Zeiten.
Trotzdem ist zu sagen, dass der Italowestern noch immer zu den am meisten unterschätzten Filmgenres zählt (Quentin Tarantino), denn nicht nur die Filme von Sergio Leone sind filmische Meisterwerke, die an Atmosphäre, Stil, grandioser Musik und handwerklicher, sowie dramaturgischer Perfektion nur schwer zu übertreffen sind. Der Italowestern birgt noch weit mehr hervorragende Werke und verdient heute, mehr denn je, Beachtung und Wertschätzung.